Verhör Lukas Resetarits

Was macht Ihrer Meinung nach bis heute die Faszination des Kottan aus – für Sie persönlich und für die Zuschauer, die Fans?
Für mich liegt die Faszination darin begründet, dass er – und alle anderen Figuren – sich nicht an die eingefahrenen Regeln halten, besonders was den Zugang zur Unterhaltung, zum Krimigenre betrifft. Es ist dieses Verblüffen. Man kommt auf die Urgeschichte des Witzes zurück, dass nämlich etwas passiert, was man nicht erwartet. Einer der Urwitze lautet – und es ist interessant, wie sehr das an manche Dialoge im Kottan erinnert – so: Zwei Männer treffen einander, der eine sagt ganz stolz: „Ich bin Diego Armando Jesús de Terracotta… und Sie?“, und der andere sagt: „Ich nicht.“ Das ist genau der Kottan-Effekt: das Lakonische, jedenfalls nicht das, was sich das Hirn des Rezipienten ausdenkt oder erwartet. Es ist ein Hauch von Dialektik drinnen, von Widerständigkeit… Diese Haltung: „Warum soll das immer so sein?“ Das Interessante war ja schon damals, dass wir immer wieder Rückmeldungen aus der Realität bekamen, z.B. von Polizisten, die uns gesagt haben, dass die Realität noch viel skurriler sei, als das, was wir uns ausgedacht haben. Diese ganze Kottan-Geschichte sagt: „Ich bin vielleicht nicht wahr, aber vielleicht bin ich wahrer als wahr.“ Und das gefällt den Leuten, glaube ich.

Wie sehr hat sich denn die Figur verändert in den 27Jahren? Er scheint ja noch relaxter zu sein, als er es ohnehin schon war.
Er ist nicht mehr so ein Häferl wie früher. Da gab es ja noch diese Testosteronschübe, wo man dachte: „So, jetzt haut er dem eine hinein.“ Das waren oft sehr spät abgebremste Schläge, vor allem gegenüber dem Schrammel. Diese Dinge sind altersbedingt etwas zurückgenommen, aber der drohende Unterton ist geblieben. Er ist ruhiger, aber nicht unbedingt resignativ. Er nähert sich sozusagen der Pension. Er wird unglücklich sein in der Pension, auch wenn er jetzt über die Arbeit schimpft. Er will ja doch mit den Kollegen an Tatorten herumstolpern. Das ist sehr schön, das ist etwas sehr Wienerisches. Das macht ihn als Figur sehr menschlich. Er nimmt Dinge mit einem leisen Lächeln wahr, bei denen er sich früher fürchterlich aufgeregt hätte.

Wie schwer war es für Sie, wieder in die Figur hineinzufinden? War das etwas, was Sie einfach so abrufen konnten?
Es fiel mir erstaunlich leicht. Man muss ja bedenken, dass jetzt ein Vierteljahrhundert Pause war. Nach dem Ende der Serie gab es diese Trauer, vor allem über die Art, wie der ORF das abgesetzt hat, und danach die klare Haltung: „Das kann man nicht aufwärmen, das ist kein Gulasch, das mit jedem Aufwärmen besser wird.“ Dann gab es gerüchteweise Geschichten, die aber nicht einmal auf eine Entscheidungsebene vorgedrungen sind, und dann, so vor drei Jahren, wurde es konkreter, man überlegte wieder: „Was müsste passieren? Was darf nicht passieren? Was ist zu vermeiden? Was ist zu beachten?“ Und plötzlich gab es Drehbuchfassungen, und die letzte, die jetzt verfilmt wurde, war so, dass ich mir sagte: „Okay, das geht.“ Plötzlich war das keine schwere Entscheidung mehr, plötzlich war klar, das kann man wagen.  Es war spannend mit diesem neuen Cast, es war ein Risiko, aber es hat sich gelohnt.

Was halten Sie denn von der Neugestaltung der Rollen des Präsidenten Pilch, des Schrammel, des Schremser?
Der Punkt ist der: Damals war das so schräg, dass auch jemand wie ich, der jetzt nicht direkt mit Schauspiel zu tun hatte, denn das Kabarettistische ist zwar scheinbar ähnlich, aber auch doch wieder ganz etwas anderes, da leicht hineinfinden konnte. Und ich konnte wieder hineinfinden. Für die Kollegen Samel, Stadlober, Krisch war das ganz anders: Da hatten Davy, Tichy, Weinzierl gewaltig vorgelegt. Man kann heute also nicht einfach weggehen von diesen Vorlagen, denn der Kern der Figur muss ja erhalten bleiben. Andererseits soll es keine Kopie werden, keine „Bildsynchronisation“ sozusagen, sondern eine Neugestaltung und Weiterführung, und das erfordert große Schauspielkunst. Ich habe bei den Dreharbeiten gemerkt, dass sich die jungen Leute, also Krisch und Stadlober, sehr genau damit befasst haben und wirklich schauspielerische Vorbereitung geleistet haben, um diese Neugestaltung zu bewältigen. Um es banal zu sagen: Johannes Krisch hat zwei Beine und lässt Walter Davys Einbeinigkeit erahnen, und das ist einfach grandios. Die größte Herausforderung hatte wohl Udo Samel zu bewältigen, denn Kurt Weinzierl hat dem Wahnsinn eine neue Dimension verliehen. Steigern hätte man das nur noch können, indem man sich die Gliedmaßen abhackt und sie aufisst… Da jetzt eine gestalterische Lücke oder Nische zu finden und zu präsentieren, das war schon eine Leistung. Es war großartig, da zuzuschauen. Diese Figur ist ja so komplex: dieses blöde, bornierte Beamtentum, das einem dann trotzdem sympathisch ist, ob man will oder nicht. Seine Menschlichkeit zeigt Pilch ja vor allem im Scheitern, so dass er einem fast leid tut. Oder wie Robert Stadlober, der ja noch gar nicht auf der Welt war, als wir das damals gedreht haben, in den Ungeist des Schrammel hineinspringt – sensationell.

Was von damals hat man beibehalten, was hat man eher bleiben lassen? Es gibt ja auch einige auffällige, bewusste Anachronismen.
Das war die Herausforderung. Aber wenn man genau schaut, hat sich der Weltlauf ja nicht so viel verändert. Es geht um Gier, um Blödheit, um Bürokratie, damals wie heute. Und dann gibt es den Widerstand dieser Polizisten, dieses Polizisten, der ja kein Polizist ist, sondern nur bei der Polizei arbeitet, wie er selbst sagt. Er ist äußerlich älter geworden, aber innerlich ist er derselbe: Er ärgert sich über die Dummheit und bekämpft sie. Es geht ihm nicht um persönlichen Erfolg, oder kaum.

Was können Sie über die Arbeit mit Peter Patzak sagen? Es kennt ihn wohl kaum jemand so gut wie Sie…
Es ist so: Wenn einer von uns am Drehtag, vor dem Drehtag, in der Vorbereitungsphase ein ungutes Gefühl hat bestimmte Details betreffend, dann hat es meistens der andere auch. Da muss man sich nicht anrufen deswegen, da reichen Blicke, dann schickt man kurz das Team auf Pause und fragt sich: „Was machen wir da?“ Und wenn der eine beginnt zu sprechen, sagt der andere: „Gut, dass du das sagst, ich habe mir das auch schon gedacht.“ Diesmal haben wir eine gewisse Anlaufzeit gebraucht, es war ein bisschen verhaltener, aber das lag wohl auch an dem Riesen-Arbeitsaufwand. Das hat sich aber nach dem ersten Abtasten wieder eingestellt. Da geht es nicht darum, einander um Rat zu fragen, sondern um das Ausloten von Möglichkeiten. Damals war das so, dass auf dem Set immer der Schmäh gerannt ist, zum Teil auch von mir betrieben, und dass wir aus diesem Schmähführen in die Szenen gesprungen sind. Jetzt, beim Kinofilm war das nicht so möglich, das wäre sich mit der Konzentration nicht ausgegangen.

Stimmt es, dass Sie diesmal alles selber singen?
Ja. Wir machen aus der Not, aus den rechtlichen Problemen, die wir alle kennen, eine Tugend. Ich habe das auch gleich von mir aus vorgeschlagen. Damals waren wir die besten Playback-Sänger, diesmal sind wir die besten Selbst-Sänger. Selbst den „Joker“ von der Steve Miller Band haben wir gut hinbekommen. Ich hatte ja ein bisschen Angst vor dem Lied. Ich habe mit meinem Bruder gesprochen, der ja als Ostbahn-Kurti eine Coverversion gemacht hat, der hat mir schon gesagt, dass man das nicht einfach nachsingen kann. Das Lied entstand damals, als die alle eingeraucht waren, das merkt man einfach. So etwas kann man nicht nachphrasieren, nicht auszählen, da geht es um Tausendstelsekunden. Man muss das Lied „wissen“, man muss es bei sich haben, aber man kann es nicht genau nachsingen. Mein Körper singt das Lied so, wie ich es wahrgenommen habe, das funktioniert. Hätte ich es akribisch nachgesungen, wäre ich nach zwei Takten gescheitert.

Eines der wichtigsten Dinge, die die Kottan-Fernsehserie getan hat, war, ein bestimmtes, eher ungewöhnliches Wien-Bild zu transportieren. Wie war das diesmal? Wien hat sich ja sehr stark verändert.
Mir haben die Sets sehr gut gefallen. Was sich nicht verändert hat, sind die dunklen Ecken in den Niemandsländern mancher Vorstädte. Auf der anderen Seite gibt es die hinter den Fassaden verborgenen Paläste, die wir groß im Bild haben. Das Präsidentenbüro ist ja eine Halle! Das ist in der ehemaligen Länderbank Am Hof. Das war eine wunderbare Wien-Exkursion. Wir waren in Gebäuden und in Wohnungen, wo mir die Augen herausgefallen sind – Parketten mit Intarsien, Marmor, Stuck… Früher gab es das nicht so, aber auf Grund der Thematik von Gier und Pyramidenspiel sind wir diesmal auch in die Palais gegangen.

Wie verliefen die Dreharbeiten? Sie waren ja sehr viel an Originalschaupätzen, nicht im Studio. Gab es da Austausch mit Passanten, Kommentare?
Das war diesmal sehr angenehm. Ich bin da ja eher angespannt, was solche Kontakte betrifft. Ich habe Probleme mit der Distanzlosigkeit, die sich mit meinen Höflichkeitsregeln nicht vereinbaren lässt. Diesmal war das alles sehr charmant, es gab nur positive Reaktionen und Zurufe, so eine Art vorauseilende Begeisterung. Damals gab es schon Beschimpfungen, vor allem wegen der „Belästigung“ durch das Filmteam. Das war diesmal anders, und irgendwie ist es ja auch schön, draußen zu drehen und nicht im Studio, obwohl es mühsam ist, vor allem Autofahrten. Da habe ich ja seinerzeit einiges mitgemacht. Ich erinnere mich mit Schrecken an eine Motorradfahrt auf einer 1100er-Kawasaki, einem Chopper – gut, das ist zum Glück alles verjährt.

Wie sind denn Ihre Erwartungen in Sachen Zuschauerakzeptanz?
Ich kenne mich mit den Zahlen nicht so aus, aber ich glaube schon, dass der Film gut angenommen werden wird. Man darf nicht vergessen, dass durch die Vermarktung der alten Kottan-Folgen die Brücke zwischen den Generationen wieder hergestellt wurde. Jetzt gibt es schon drei Generationen von Kottan-Fans: Die, die ungefähr so alt sind wie ich, die in der Generation meiner Kinder, also so zwischen 30 und 40, und die Kids von heute, die damals noch gar nicht geboren waren.

Mittlerweile kann man ja alle Folgen auf DVD bekommen, das war ja lange Zeit nicht möglich.
Ja, das ist fein. Ich bin ja nicht so ein starker Mich-selbst-Anschauer, weil ich das schwer aushalte, deswegen habe ich seinerzeit gar nicht alles gesehen. Das habe ich erst so vor drei oder vier Jahren nachgeholt und festgestellt: Das sind gültige Bilder, die halten. Und sie unterscheiden sich auf sehr angenehme Weise von heutigen Fernsehbildern, wo es nur Großaufnahmen gibt, Sponsoreneinblendungen, und aus. Kottan ist etwas sehr Kulinarisches.

Interview: Andreas Ungerböck, 2010