Verhör Heinrich Ambrosch

Wer hatte die Idee, einen neuen Kottan-Film zu machen?
Die Idee gab es von Seiten Peter Patzaks und Jan Zenkers schon lange. Es gab schon mehrere Anläufe, so im Jahr 2000 auch einen, den Helmut Zenker damals unternommen hat. Offenbar hat das Projekt aber mit der Zeit reifen müssen. Letztlich kam dann Peter mit der Idee zu mir und meinte, wir könnten das doch zusammen probieren, und so ist das Projekt entstanden.

Wie sehr hat der Erfolg des Mundl-Kinofilms dabei eine Rolle gespielt?
Gar nicht. Wir haben schon an Kottan begonnen zu arbeiten, da war Echte Wiener noch gar nicht im Kino und der Erfolg noch gar nicht abzusehen. Es mag bei der Einreichung zur Finanzierung geholfen haben, dass Echte Wiener dann schon diesen sensationellen Erfolg hatte. Dazu muss man sagen, dass der ORF ja mit dem Mundl und dem Kottan zwei großartige Marken geschaffen hatte, die bis heute nachwirken, quer durch die Generationen. Daran sieht man auch, wie wichtig ein starker nationaler Fernsehsender ist, der solche Marken etablieren kann.

Die ursprüngliche Idee zu dem Stoff stammt aber von Helmut Zenker?
Ja, aus einem Roman namens „Die Mann im Mond“ über eine rothaarige Ermittlerin, die sehr untypisch agiert. Das war keine Kottan-Geschichte, aber das Thema des Pyramidenspiels kommt darin vor. Wir haben das sehr stark verändert, aber das war die Grundlage. Der Ausgangspunkt für uns war auf jeden Fall, bei einer Geschichte von Helmut Zenker anzuknüpfen.

Gab es die Überlegung, mit dem Kottan sozusagen „neu anzufangen“, oder war immer klar, dass die Geschichte mit den 27Jahren Suspendierung miteinbezogen wird?
Es war klar, dass wir dort ansetzen, wo die alten Kottan-Folgen aufgehört hatten. Nachdem Kottan suspendiert war, beließen wir ihn so, um dem Zuschauer auch zu vermitteln, dass er nichts versäumt hat. Kottan hat inzwischen nicht ermittelt, aber er hat seine musikalischen Fähigkeiten verbessert. Das sieht und hört man auch, weil er ja jetzt zum ersten Mal live singt, was er früher nicht konnte. Seine Ermittlungsfähigkeiten sind vielleicht ein wenig eingerostet, aber die erwachen ja im Laufe des Films wieder.

Nun war klar, dass es Neubesetzungen geben wird müssen, noch dazu in den Schlüsselrollen des Schremser, Schrammel, Pilch usw. Wie ist man da vorgegangen?
Da gab es natürlich viele Überlegungen, aber wir haben es letztlich Peters Intuition überlassen, der ja diese Figuren mitgeschaffen hat. Und er hat eine sehr glückliche Hand bewiesen, hat mit Udo Samel, Johannes Krisch und Robert Stadlober wirklich kongeniale Darsteller gewählt. Es ging darum, ein Spitzenensemble zu haben, das gewisse Charakterbilder der „alten“ Darsteller herausarbeiten und Teile der Figuren weiterleben lassen kann, aber trotzdem etwas ganz Neues schafft. Es half natürlich, dass alle Beteiligten Kottan kannten und großen Respekt davor hatten. Johannes Krisch hat sehr genau beobachtet, wie Walter Davy seine Krücke eingesetzt hat, z.B., wie er sich quasi um die Krücke herum in die Kamera geschraubt hat, oder wie er sich über die Krücke gebeugt hat, um einen Raum zu inspizieren. Udo Samel hat die Figur des Pilch so genial weiter entwickelt, dass man wirklich glauben könnte, Pilch sei seit damals nicht älter geworden.

Es ging also um keine originalgetreue „Nachempfindung“?
Nein, sicher nicht. Das hätte die Schauspieler zu sehr eingeschränkt. Es ging aber sehr wohl darum, die „Seele“ des alten Kottan zu erhalten, diese sympathische Anarchie, das Liebenswürdige, das die Figur und die Serie ja so populär gemacht hat. Ein Krimi ohne Blut und Grauslichkeiten, sondern mit sehr viel Wärme und Liebe zum Menschen erzählt. Und das ist sehr gut gelungen, denke ich.

Wie kann man sich die Arbeit am Drehbuch vorstellen? Ist da gegenüber der geschriebenen Fassung noch viel dazugekommen?
Peter hat laufend Ideen eingebracht, etwa die fulminante „Chantilly-Lace“-Tanzummer von Schremser mit der Krücke, die war so nicht drinnen. Seine besten Ideen hatte er spät nachts, und je enger es zum Dreh hin wurde, desto besser wurden die Ideen.

Diverse aktuelle Gegebenheiten einzubinden, etwa Arigona – ist das auch spontan entstanden?
Ja. Den Einfall, Arigona mit dem Polizeiapparat zu konfrontieren, der entstand spontan.
Wir wollten ja auch, das Arigona das selbst spielt, aber das kam letztlich nicht zustande.

Was ist denn über die Drehorte zu sagen? Der Polizeipräsident residiert im Schloss Schönbrunn, wir sehen das Belvedere, das Palais Ferstel … alles ziemlich feudal.
Das stimmt, aber für das Büro Kottan gilt das nicht. Das ist im Hinterhof einer Schnapsbrennerei angesiedelt und hat etwas Kloakenhaftes. Das kann man im Film natürlich nicht riechen, aber man sieht, dass Pilch sich die Nase zuhält, als er zu Kottan ins Büro kommt. Ansonsten war die Idee die, dass das Beamtentum sich so ausgebreitet und einen solchen Status erlangt hat, dass es mittlerweile die repräsentativen Örtlichkeiten der Monarchie erobert hat. Und in der Beletage der ehemaligen Länderbank Am Hof, die es so bald nicht mehr geben wird, haben wir viele Innenaufnahmen gedreht.

Was bei Patzak ja immer auffällt und auch hier, ist die Bedeutung der Schauplätze,
Ganz genau. Aber das wird immer schwieriger. Patzak hat ja in den 70er Jahren daran mitgearbeitet, gerade durch Kottan oder auch durch Kassbach, dass ein anderes Wien-Bild entsteht als jenes, das bis dahin in Filmen zu sehen war.

Schwieriger inwiefern? Weil alles so sauber, so saniert wirkt?
Ja. Diese Brachflächen, diese Un-Orte, die er so gern hat, die einer Figur viel mehr Möglichkeiten lassen, weil sie nicht so genau definiert sind, die gibt es kaum noch. Darum ist auch die eine Szene so wichtig, als die Polizisten bei den Wagenburg-Leuten auftauchen, die ja noch versuchen, wie moderne Desperados zu leben, ohne festen Wohnsitz. Das sind ja großteils Intellektuelle, die sich entschieden haben, so zu leben. Die bekommen von der Stadt Wien Orte zugewiesen, an denen sie sich aufhalten dürfen. Das war beim Drehen auch schwierig, weil man nicht genau wusste, wo die sein werden.

Was macht für Sie die Faszination des Kottan aus, damals wie heute? Kann man das definieren?
Ich habe Kottan als Kind und Jugendlicher gesehen. Umso mehr freut es mich, das ich als Produzent heute an der Wiederauferstehung dieser Figuren mitwirken kann. Kottan, das ist für mich eine sympathisch- anarchistische Grundhaltung, die Freiräume schafft und menschliche Schwächen aufzeigt, ohne Menschen bloßzustellen. Mittlerweile, glaube ich, haben die Österreicher das auch erkannt, ganz am Anfang, als die Serie erstmals ausgestrahlt wurde, war das ja nicht so. Selbst die Polizei findet Kottan mittlerweile gut, weil nicht die Verunglimpfung der Beamten sondern eben das Menschliche im Vordergrund steht.

Wie sind denn Ihre Erwartungen, was die Zuschauerresonanz betrifft bzw. wie ist denn Ihr Gefühl diesbezüglich?
Natürlich hoffe ich, dass der Film gut ankommt, weil es ein sehr menschlicher, warmherziger Film ist. Und dass er so gut ankommt, dass wir einen zweiten Teil machen können. Aber das wird wohl erst 2012 passieren.

Interview: Andreas Ungerböck, 2010